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Genderdebatte

Eigentlich wollte ich mal ursprünglich (so vor 2 Jahren) rein politische Themen in einem separaten Blog unterbringen, dieses gibt es aber bereits nicht mehr, da ich mich ohnehin außer Stande sehe, mehrere Blogs sinnvoll und regelmäßig mit Inhalten zu füllen. So kommt es daher immer noch vor, dass ich in jedem noch existierenden Blog recht selten etwas hineinschreibe. Sei’s drum!

Dennoch entscheide ich mich nun zu diesem Schritt, auch auf mannaz.cc etwas Politisches unterzubringen, auch in der Hoffnung, hier mehr und öfter Inhalte zu hinterlegen.

Ein Grund, warum ich heute, hier und jetzt mit der Genderdebatte beginne, ist eine aktuelle Umfrage des kegelklubs. Hier geht es um die Genderdebatte in der Piratenpartei.

Wer es bisher noch nicht wusste: ich bin selbst Mitglied in dieser Partei, und ich fühle mich, allgemein betrachtet, dort ganz wohl und gut aufgehoben.

Wer es bisher noch nicht wusste: ich bin schwul. Ich fühle mich, allgemein betrachtet, ganz wohl und nicht allzu schlecht aufgehoben. Als weißer Mann in Berlin, Deutschland, zähle ich hierbei wohl zu einer Art Privilegierten-Gruppe, obwohl Homosexuelle auch hier und jetzt weiterhin diskriminiert werden und definitiv eine Minderheit darstellen.

Was ich bisher glaubte: ich sei nicht abgeneigt, eine Frau zu sein. Ich fühle mich, in diesem konkreten Fall, sehr unwohl und sehr schlecht aufgehoben! Weil: Dieser Irrglaube fußte darauf, die stereotypen Rollenbilder zu akzeptieren und kaum zu hinterfragen; dass es nämlich Bereiche im Leben gibt, in denen es Frauen auch einmal leichter haben, dieses aber nur durch Sexismen begründet ist. Unter diesen Umständen möchte ich keinesfalls eine Frau sein.

Für die Genderdebatte auch mein Persönlichkeitshintergrund als Zusammenfassung: ich bin biologisch männlich, fühle mich zu Männern hingezogen und nehme mich eher als Mann war. Mein Gefühl ist, dass ich auch von außen eher als Mann denn als Mensch wahrgenommen werde. Sowohl im Alltag als auch im Beruf.

Ich übe einen Beruf aus, der gesellschaftlich als “typisch männlich” eingestuft wird (Ruby-Entwickler), vorher habe ich als Online-Marketing-Manager einen Beruf ausgeübt, den ich interessanterweise sogar als eher weiblich wahrgenommen habe, dennoch ist die Realität so, dass zumindest die Führung solcher Unternehmen wiederum hauptsächlich von Männern übernommen wird. Da dieses Online-Marketing in meinem Fall auch viel mit Suchmaschinenoptimierung und Linkbuilding zu tun hatte (SEO), ist trotz zahlenmäßig hohem Frauenanteil der Mann die dominante Rolle in diesem Feld (dominant also im Sinne von bestimmend, wobei im SEO-Umfeld auch oftmals zahlenmäßig).

Innerhalb der Partei vermute ich, dass ich ebenso eher als Mann denn Mensch wahrgenommen werde, da ich trotz aller Debatten, Diskussionen und Meinungsbildnerei mir leider immer noch nicht vorstellen kann, dass bereits heute in allen Köpfen das schematische Denken abgefallen ist. Wenn jeder ehrlich zu sich selbst ist, wird er/sie/(.*) erkennen, dass das Mann-Frau-Denken noch immer dominanter ist als das reine Mensch-Denken. Vielleicht habe ich aber auch einfach ein zu negatives Menschenbild (meine misanthropische Seite).

Wir haben kein Frauenproblem, wir haben eine Situation, wie sie in der Gesellschaft allgemein anzutreffen ist: Frauen und Männer sind nicht vollkommen gleichberechtigt.

Ich bevorzuge das Wort Situation vor Problem. Weil ich ein Problem mit Problemen habe, diese sind nämlich oftmals leicht als nicht lösbar einzustufen. Situationen sind eher als Zustände zu beschreiben, die einfacher geändert oder angepasst werden können. Wir müssen uns aber nicht hier an dieser Wortverwendung aufhängen, ich werde auch Texte mit dem Wort Problem verstehen und akzeptieren. ;o)

Wenn ich mal Zeit und Lust habe, schildere ich gern meine Gedanken zu Problem vs. Situation.

Was machen wir denn nun aber mit der Situation (der Ungleichberechtigung)? Wir, unter anderem die Piratenpartei, wollen sie ändern!

Dass wir nicht die Ersten sind, ist allen klar. Allein die vielen Feminismusströmungen über die Jahre hinweg zeigen uns, dass wir (noch immer) in einem Prozess stecken. Wir hoffen, dass wir auch im 21. Jahrhundert weitere Fortschritte machen werden. Und hier bin ich sehr zuversichtlich, dass wir diese machen werden, da ich bereits viele kluge Köpfe entdeckt habe. Und was mich eigentlich besonders erfreut, dass hier auch mehr und mehr Männer mitdenken und mitreden, da ich glaube, dass für eine fruchtbare Debatte auch biologische Männer dazugehören.

Nun geht es aber bei der Genderdebatte auch nicht (ausschließlich) um das biologische Geschlecht, sondern vielmehr um das soziale und psychologische, es geht um Rollenbilder und damit einhergehend auch um die Dekonstruktion eben dieser. Mit dem piratischen Anspruch, auch postgender zu sein, muss sogar zwangsläufig eine völlige Auflösung der Rollenbilder einhergehen. Ich weiß nur aktuell nicht die Frage zu beantworten, ob es eigentlich besser wäre, gar keine Rollenbilder mehr zu haben, oder lieber ganz viele. Mein Bauchgefühl sagt mir jedenfalls, dass ich mit vielen Rollen erst einmal besser klar käme. Der Mensch schreibt Objekten und Subjekten eben gern Attribute zu, und Rollen helfen bei der Klassifizierung. Lieber verliere ich den Überblick bei der schieren Masse als gar nichts mehr zu wissen. Dies mag auch etwas an meinem Entwicklerherz liegen; ein Dienst, eine Klasse oder ein Server übernehmen eine bestimmte Rolle. Die Handhabung von rollenlosen Etwassen fiele mir wesentlich schwerer. Die Analogie mag übertragen auf den Menschen etwas hakelig sein, aber allzu verkehrt ist sie wahrscheinlich auch nicht.

Aber bleibe ich doch einfach noch ein bisschen in der IT-Welt:

Als Entwickler/Programmierer lernt man recht schnell, dass die Welt der Informationstechnologie eben nicht nur aus Schwarz und Weiß besteht (bzw. Null und Eins). Wäre dem so, würden wir gerade einmal simple Lichtschalter bauen können und dann mit unserem Latein am Ende. Auf diesem Fundament, nämlich den Zuständen “Strom fließt” und “Strom fließt nicht”, haben wir eine sehr reichhaltige Welt aus Systemen, Werkzeugen und Software entwickelt. Wir haben uns Zwischenschichten geschaffen, die uns dieses beschränkte 0-1-System wegabstrahieren und mehr Möglichkeiten schaffen. Damit haben wir dann tolle Sachen gebaut, die mehr als nur eine Ansammlung von Kippschaltern sind, auch wenn sie technisch eigentlich nichts anderes sind.

Damit also wieder zurück zu den Geschlechtern:

Von Geburt an besitzen wir in aller Regel eines von beiden biologischen Geschlechtern, nur selten treten andere Fälle auf. Damit müssen wir oftmals unser ganzes Leben abfinden. Mit geschlechtsangleichenden Maßnahmen können wir zwar mittlerweile optisch viel erreichen, aber können beispielsweise Transfrauen damit immer noch nicht schwanger werden und Transmänner keine Ejakulation haben (oder sind wir da schon weiter als ich weiß?).

Im Gegensatz zur Informationstechnologie bewegt sich hier der Mensch immer noch auf dieser untersten Ebene und erkennt nicht das ganze Potenzial, auf höheren Stufen mit mehr als nur zwei Symbolen zu arbeiten. Die Rollenbilder mit typisch männlich und typisch weiblich sind allgegenwärtig und werden gesamtgesellschaftlich kaum in Frage gestellt. Dies wird wohl auch der Grund für die Sexismen sein, da wir uns meist nur einem oder wenigen “Gegnern” gegenüber stehen sehen. In einer patriarchal-heteronormativen Gesellschaft ist der Sexismus gegenüber Frauen die alleinig existierende Form. Da es faktisch keine matriarchalen Gesellschaften gibt, kann die Existenz von Sexismus gegenüber Männern erst einmal in Frage gestellt werden. Kann!

Wir haben aber durchaus noch weitere Sexismen, denn auch Attributszuschreibungen wie typisch schwul und typisch lesbisch können mittlerweile durchaus als Sexismus verstanden werden; nach weiter ausgreifenden Definitionen ist wohl auch Männer-Sexismus möglich, jedenfalls muss sich dies nicht mehr nur auf das biologische Geschlecht begrenzen.

Und da wir uns hier ja in einer Genderdebatte befinden, muss ich explizit von verschiedenen Sexismen ausgehen, denn wir glauben ja auch an die Mannigfaltigkeit von Geschlechtern. Wobei mannigfaltig in diesem Kontext ja sehr paradox klingt.

Übrigens möchte ich hier anmerken, dass ich eine höchst ungegenderte Sprache verwende. Dies ist von mir bewusst so gewollt, da ich die Lesbarkeit (besonders mir gegenüber) nicht leiden sehen möchte. Mensch mag sich darüber aufregen, mich kritisieren, ich werde es dennoch nicht ändern. Ich werde für niemanden typographische Verstümmelung betreiben, noch meine Texte für irgend wen an sämtlichen Stellen künstlich aufblähen. Das Zugeständnis, das kleine Wörtchen man gegen mensch auszutauschen, mache ich freiwillig und oftmals gern. Sämtliche Formen von ~_innen/Innen/(in)en wie auch der exzessive Gebrauch von “~ und ~innen” gehört verboten respektive auf ein für den (Vor-)Leser gesundes Maß reduziert.

Sprache ist sicherlich mit ein Grund für die teilweise verfahrene Situation, aber ihr die Alleinschuld zu geben wäre fatal. Wir Menschen gestalten die Sprache und nicht umgekehrt. Und dass man so oft in Disclaimer-Manier immer erst darauf hinweisen soll/muss, dass mensch in einem Text alle Wörter geschlechtsneutral verwende, finde ich ebenso absurd. Da kann ich ja dies gleich als Bloguntertitel hineinschreiben, damit ich mich auf immer und ewig freikaufe.

Ich weiß, liebe Frauen, dass in unserer Sprache viel zu viele Wörter für Personenbezeichnungen maskulin sind, damit ist aber heutzutage nur noch in den wenigsten Fällen gemeint, dass die bezeichnete Person ausschließlich einen Schwanz zwischen den Beinen hängen haben muss. Dieses dem Sprecher oder Schreiber ständig unterstellen zu wollen ist mitunter auch sehr tödlich für jedwede Diskussion, da damit männliche Texter nur allzu oft in eine Verteidigungshaltung gezwungen werden.

Zumal, wenn wir mit den sozialen Geschlechtern weiter vorankommen wollen (egal ob durch Auflösung oder Erweiterung der Rollenbilder), dürfte es ohnehin sprachlich noch komplizierter werden. Wie sollen wir mit unserem Wortschatz denn umgehen, wenn wir weiterhin daran festhalten wollen, dass das sprachliche Maskulinum immer mit dem biologischen Mann verknüpft wird? Eigentlich finde ich sprachliche Feminismen viel dramatischer, was man besonders gut in Berufsbezeichnungen entdecken kann. Während Bauarbeiterinnen, Holzfällerinnen, Managerinnen, Politikerinnen und auch Chefinnen sehr alltagstauglich sind, trifft dies auf Krankenschwester nicht zu, da es hier kein sprachlich direktes Äquivalent gibt. Stattdessen müssen wir hier auf Krankenpfleger ausweichen. Dennoch ist hier der Berufsstand durch Krankenschwester so sehr geprägt worden, dass männliche Vertreter hintenrum gern als schwul attributiert, zumindest aber immer gern als “männliche Krankenschwester” statt ~pfleger bezeichnet werden. Hier haben wir uns auch sprachlich verrannt. Klar, bei Zimmermann ist es im umgekehrten Fall auch nicht besser, aber Zimmerin scheint wohl durchaus gebräuchlich. Die Krankenschwester war hier nur ein sehr prominentes Beispiel, da mensch heute noch in Krankenhäusern sicher oft nach der Schwester rufen werden, und zwar egal, welches Geschlecht der Patient letztlich hat!

Natürlich können wir auch eine Sprachdebatte führen, sofern ich mir auch sicher sein könnte, dass einige dieser hässlichen Rechtschreibungetüme wieder verschwinden werden. Ich mag jedenfalls behaupten, dass ich in den allermeisten Fällen bereits aus dem Kontext heraus erkennen kann, ob mit einer Personenbezeichnung nur Männer gemeint sind oder das Wort geschlechtsneutral verwendet wird. Ein guter Schreiber wird immer Wege finden, mich hier zu verwirren, das will ich nicht bestreiten.

Wenn von dem Attentäter, dem Mörder oder dem Vergewaltiger die Rede ist, sollten wir uns aber auch bewusst sein, dass wir hier nicht nur einem sprachlich alten Gaul aufgesessen sind, sondern auch oder gerade unserem Klischeedenken erlegen sind, da wir diese Rollen als eben “typisch männlich” einstufen, obwohl wir wissen, dass es auch weibliche Vertreter dieser Gruppen gibt. Boulevardesque Schlagzeilen wie “Der Mörder war eine Frau” bestärken uns sogar in diesem Glauben, da wir es als schockierend empfinden, dass auch eine Frau tatsächlich zu solcherlei Taten in der Lage war. Wie scheinheilig von uns zu glauben, dass trotz aller negativen Rollenbilder über Frauen alle ausschließlich das Gute in ihnen sehen wollen. Wie armselig von uns wissen zu wollen, dass trotz aller positiven Rollenbilder von Männern diese nur zu Zerstörerischem neigen. Dass wir Männer uns durch die Unterdrückung der Frau diese Schuld selbst zuschieben müssen, ja, diesen Umstand müssen wir uns gefallen lassen.

Denn dass der Unterdrücker immer durchweg männlich war, lässt sich kaum bestreiten, auch wenn mal eine Königin über sie geherrscht hat.

Andererseits können wir uns aber auch mit der Genderdebatte im Gesamten beschäftigen. Und irgendwie hatte ich vor ca. 4 Stunden, als ich diesen Text begann, auch ein vages Ziel gehabt, welches ich durch meine ersten Ausschweifungen temporär aus den Augen verloren habe.

Da dies aber nicht der letzte Beitrag zu diesem Thema sein wird und ich mich auch noch weiter belesen und lernen werde, lasse ich es hiermit bewenden und widme mich der nun längst überfälligen Nachtruhe. Guten Morgen, ihr Lerchen!


PS: Und falls ich etwas falsch verstanden oder komplett fehlinterpretiert habe, dann lasst mich dies wissen. Aber bitte auf konstruktive Art und Weise!

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asaaki (Christoph Grabo)

Jahrgang 1982, brandenburgischer Berliner, Netzkosmopolit, Bitwanderer

Schreibt hier über allerlei Dinge, die ihm einfallen und wo er glaubt, seinen Senf dazugeben zu müssen.
Nicht fundiert, wenig recherchiert, aber gewiss mit großer Klappe dabei!
Themenvielfalt von Internet, Web 2.0 und spätere Versionen, digitales Leben; Netzpolitik und manchmal auch Realpolitik & andere Horrormärchen; Gedanken, Ideen und sonstiger Seelenheil vernichtender Gedankenquark mit Kräutern & Pfeffer.

Meine Deutschlehrerin schrieb einmal unter einem Aufsatz: "Zu polemisch." — Das Leben allgemein betrachtet, denke ich, dass sie das wohl eher als Rat und Lob denn als Kritik meinte.

Lieblingszitat: Wenn ich was Blödes höre, denke ich einfach nicht hin …

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