Von MenschInnen und LeutInnen
Geschlechter, Gender und Gedanken
In meinem Umfeld der Partei, in der ich mich engagiere, weht ein rauer Wind — pardon! — eine raue Windin!
Und ich äußere mich einfach mal sogar hier in meinem privaten Heim, weil ich mich dieser Thematik mehr außerhalb meiner Parteizugehörigkeit nähern will. Wer es noch nicht weiß: ich bin Pirat, auf eric.tyralfsson.de findet ihr meine Seite, die aktuell nur ein Spiegel meines Twitter-Stromes ist. Sorry, natürlich meine ich Strömin! Und eigentlich bin ich ja auch Piratin, egal, ob mir was zwischen meinen Beinen baumelt oder nicht.
Aber die Gender-Debatte verfolgt mich auch in einer Mailingliste, wo es um queere Heiden geht (regenbogenhain). Faszinierendes Thema, wenn mensch sich auch einmal mit Religion, Spiritualität und Glaube fern von Christentum oder allgemein südlicher Religionen befassen will. Durch das “queer” entsteht ebenfalls immer wieder eine Diskussion um Gender, da Religionen wie die Politik und Gesellschaft auch oftmals sehr dualistisch und viel zu oft von Männern dominiert sind.
Zudem sei dem geneigten Leser und der geneigten Leserin gesagt, dass ich schwul bin. Außerdem faszinieren mich Sprachen. Nicht, dass ich auch nur eine andere als meine Muttersprache tatsächlich fließend sprechen kann (Englisch zählt hier nicht), aber auf der Metaebene ist das alles spannend. Ich mag nur nie Vokabeln lernen …
Ich bin also vom Sexus her ein Mann, dem Genus nach sowieso, auch auf Genderebene zähle ich mich weiterhin zum Mann und werde wohl meist auch von außen so wahrgenommen. Ab hier wird die gemeine Feministin mich abgestempelt haben und mich als frauenfeindliches Objekt einstufen. Denn: ein schwuler Mann ist nicht per se die beste Freundin oder grundsätzlich den Frauen gegenüber aufgeschlossen. Ich kenne durchaus auch schwule Männer, die tatsächlich nicht nur nix mit Frauen anfangen können, sondern sie “hassen”, zumindest aber eine tiefe Abneigung gegenüber diesem Geschlecht verspüren.
Nun darf mensch einem Schwulen es nicht verübeln, denn er ist auf sexueller Ebene ohnehin dem Manne zugeneigt. Und wenn er sich nicht grad selbst in Frauenkleider hüllt, empfindet er sicherlich sich selbst als Mann und findet das gut. Kein Mensch der Welt hatte eine Wahl gehabt, mit welchem biologischen Geschlecht er oder sie aufwächst. Auch bei jenen, die mit beiden Geschlechtern geboren wurden, haben die Eltern eine Entscheidung getroffen, mit der das Kind später leben muss.
Nebst der Biologie gibt es nun aber, wir sind ja denkende und fühlende Wesen, auch noch die eigene Identität. Wir bestimmen für uns, ob wir selbst Mann oder Frau sein wollen, und ob wir Mann und/oder Frau lieben (wollen). Die tiefschürfende Diskussion über den Geschlechtsdualismus und der damit verbundenen Rattenschwänzin wie “männlich, weiblich, sächlich oder mehr?” lasse ich hier mal außer acht. Das ist der Fortgeschrittenenkurs, den ich selbst nicht einmal belegt habe. Gender selbst versteht sich noch etwas weiter greifend und bezieht das soziologische Umfeld mit ein, Geschlechtsrollen sei hier als Stichwort angemerkt. Gesellschaftlich schreiben wir uns gegenseitig anhand einer eingenommenen Rolle ebenfalls ein Geschlecht zu.
Und als ob Biologie und Identität und Rolle nicht genug sind, haben wir Humanoiden auch die bescheuerte Idee gehabt, in Form von geschriebener und gesprochener Sprache zu kommunizieren. Und je nach Sprache gibt es da auch so etwas wie Geschlechter.
Daher muss sich der Mensch oder die Menschin oder das Menschum mit Sexus, Genus, Identität und Gender auseinandersetzen. Toll, oder? So viel Spaß, Spannung und Spiel hatte ich zuletzt nur mit dem Ü-Ei. Da war aber noch wenigstens Schokolade drumherum.
Bei der Genderdebatte gibt es aber wenig Süßes, eher Saures, Salziges und Bitteres. Scharf kann es sein, meist geht es heiß her. Und wir wissen ja, selten wird am Ende so heiß gegessen wie gekocht wird. Aber wie kleine Kinder muss jeder von uns erst einmal auf die glühende Herdplatte greifen, um zu erkennen, dass mensch sich da schnell die Hände verbrennen kann.
Um mir selbst die Hände nicht zu verbrennen, schicke ich auch noch voraus, dass ich nichts studiert habe, schon gar nichts, was auf Gender und Feminismus hindeuten könnte. Es sind hier alles nur bloße Gedanken, die mich durchwandern. Ich bin Idealist und Träumer und Visionär. Gerne weltfremd. Leider sind daher meine Ansichten auch nicht wirklich gesellschaftskompatibel, da wir im Geiste sehr konservativ mit unserer Gegenwart verhaftet sind.
Gender und Feminismus
Noch vor ein paar Minuten hatte ich gelesen, dass diese beiden Begriffe nicht das selbe sind, aber gern synonym gebraucht werden. Unglücklicherweise aber auch von den Feministinnen selbst.
Klar ist, wenn mensch sich den Begriff Gender genau anschaut, dass hiermit nicht exklusiv die Frau gemeint ist. Geschlechterrollen betreffen eben alle. Es gibt halt nicht nur typisch weiblich, sondern auch typisch männlich. Und wer z. B. homosexuell ist, hat vielmehr mit Rollenbildern zu kämpfen als ein heterosexuell lebender Mensch. Wenn Frauen schon in patriarchalen Gesellschaften nicht allzu hoch im Kurs standen, offensichtlich Schwule waren dann eher unten durch. Nur weil gleichgeschlechtlicher Sex schon in der Antike vollzogen wurde, heisst das ja noch lange nicht, dass es für jene mit der entsprechenden sexuellen Neigung leicht war.
Feminismus dagegen bezieht sich ja nur auf Frauen und deren Gleichstellung in der Gesellschaft. Was das dann noch mit Gender zu tun hat, verschließt sich mir ein wenig.
Okay, es gibt durchaus Gemeinsamkeiten: geschlechtsspezifische Rollen und Merkmale sind so festgefahren, dass besonders Frauen davon betroffen sind. Angeblich schwach, nicht in der Lage hart zu arbeiten, blabla, blub … Sorry, liebe Kämpferinnen, aber das kaufe ich heute nicht mehr ab. Ich — als Mann — spreche keiner Frau ab, dass sie auf dem Bau bestehen könnte, ein Unternehmen leiten oder die Waffe halten.
Ich vermute sogar, dass ihr Frauen mich müde belächeln würdet, wenn ich behauptete, besser stricken zu können als ihr. Und wäre ich ein allein stehender und erziehender Vater, wäre ich zwar durchaus auch bei euch beliebt, aber im Grunde traut ihr mir nicht zu, dass ich es schaffen würde und empfindet Mitleid mit meiner Situation.
Eine Gleichstellung sieht anders aus, meine lieben Damen!
Frauen kämpfen dafür, dass sie in allen Lebensbereichen gleichwertig akzeptiert werden. Männer schämen sich immer noch, auch in von Frauen dominierten Bereichen vorzudringen. Und ob das nur die Schuld der eigenen Geschlechtsgenossen ist, mag ich hier doch arg bezweifeln. Sexismus funktioniert auch anders herum …
Geschlecht und Sprache
Ein anderes Problem in der Genderdebatte ist natürlich die Sprache, und hier sehen dann die Feministen sicher ihre Verbündetinnen.
Eine ganz polemische Frage meinerseits: sprecht ihr nicht dieselbe Sprache wie wir (Männer)?
Sollten sich über Jahrtausende wirklich Sprachen entwickelt haben, die ausschließlich nur von Männern geprägt wurden?
Ja, das generische Maskulinum ist ein böses Ding, es ist teuflisch und dämonisch. An jeder Ecke und in jedem Moment fühle ich mich vom Schwanz im Worte penetriert und missbraucht und vergewaltigt. Ich muss dagegen kämpfen und alle Wörterinnen feminisieren. Alle Dinginnen verweiblichen, egal, ob es eigentlich Sinnin macht oder nicht. Dass sich Textinnen dadurch nicht mehr lesen und verstehen lassen, vergessen wir Menschinnen einfach einmal. Die Leutinnen sollen endlich die Schößin in der Wortin erkennen, einjede hat sich der generischen Femininumin hinzugeben. Die Sprache hat Frau zu sein — der Mann ist tot, die Männin lebt!
Wer, verdammt doch mal, will solche Texte lesen?!?!?
Und wer glaubt ernsthaft, dass durch die Grammatik ein Geschlechterkampf gewonnen werden kann bzw. eine Dominanz in der Gesellschaft etabliert wurde und wird?
Haben wir echt ein Problem damit, dass der Posten des Bundeskanzlers durch eine Bundeskanzlerin ausgefüllt wird?
Schlimmer noch, als Wörter, die weiterhin zwar männlich gebraucht werden, aber verweiblicht werden können, sind doch die Wortschöpfungen, die mensch nicht zu einem Manne machen kann. Was ist mit der Hebamme? Was mit der Politesse? Für beide Berufe mussten wir erst umständlich einen Begriff finden, der ohne Probleme auch auf Männer angewendet werden kann. Machen wir doch Hebamm und Politess daraus, ist das akzeptabel?
Aber sicher ist es egal, was mensch hier daraus macht, es wird im Zweifelsfall als frauenfeindlich und diskriminierend eingestuft.
Frauen, Homos und Gender
Ich habe ja bereits oben angedeutet, dass ich denke, Homosexuelle hätten wesentlich mehr mit der Genderproblematik zu kämpfen als Frauen.
Während Frauen sich mit Vorurteilen befassen müssen, sie gehören an den Herd und harte Arbeit sei nix für sie, so sieht es bei Schwulen und Lesben doch viel schlimmer aus.
Ein Mann hat sich nicht von einem anderen Mann ficken lassen, sonst ist er doch gleich weibisch (biologische Gleichsetzung aufgrund der Penetration). Bei Lesben gibt es sogar innerhalb der Gleichgesinnten nur zwei allgemein akzeptierte Rollenbilder, die einer Frau zugeschrieben werden: Femme und Butch. Hausgemachter Dualismus, der — wie ich von mir bekannten Frauenliebenden erfahren habe — nicht jeder schmeckt.
Schauen wir noch tiefer in die Büchse, kommen noch mehr heraus: Bisexuelle, Transgender und jene, die sich selbst nicht definieren wollen oder auf der Suche sind. Da wird die Geschlechterdiskussion immer komplexer, komplizierter und teils diffuser.
Und da sage mir noch einmal eine (heterosexuelle) Frau, sie hätte Probleme.
Wo stehe ich?
Um hier nicht noch weiter auszuufern und mich selbst zu verlieren, ein kleines Schlusswort, welches aber sicher nicht abschließend ist.
Ich weiß nicht, wo es mit der Gender-Debatte hingehen wird. Was ist das Ziel, wie ist der Weg dahin? Welche Hürden haben wir noch zu nehmen?
All diese Fragen kann und will ich nicht beantworten.
Was die Piratenpartei angeht, glaube ich eigentlich, dass sie den richtigen Weg einschlägt. Das Wort Pirat hat zwar ein Genus, aber sagt nix über den Sexus des damit betitelten aus.
Mein Eindruck war eigentlich immer so, dass es normalerweise kein Problem gab. Von Männern sowieso nicht, aber auch nicht von der Mehrheit der piratischen Frauen.
Dass es dennoch einige wenige Frauen innerhalb der Partei gibt, die dennoch dagegen ankämpfen wollen, zeigt mir eher, dass sie einem Feminismus anhängen, den ich vergangen glaubte. Unsere Sprache sollte nicht der Grund für Grabenkämpfe sein.
Schutzräume sind auch nur was für Feiglinge, aber die Frauen bei den Piraten sind alles andere als feige. Zu leise Stimmen habe ich nicht bemerkt, nicht, weil sie eben leise sind, sondern weil ich glaube, dass sie gar nicht vorhanden sind. Im Gegenteil, die Piratinnen sind sehr laut. Ich sehe niemanden, der geschützt werden müsste, schon gar nicht vor Sinnesgenossen des anderen Geschlechts.
Und wenn es um Gender geht, dann hängt euch nicht an Piraten oder Piratinnen auf, denn damit wurden keine Rollen und Merkmale angeknüpft. Die habt ihr euch selbst hinzugedichtet.
Wir mögen nicht post-gender sein, aber androzentrisch sind wir gewiss nicht. Wer Antifeminismus bei uns vermutet, hat sich offensichtlich nicht mit uns beschäftigt.
Wir sind keine klassischen Piraten, wir sind viel eher Neopiraten. Wir lieben zwar die Geschichte und Motive dahinter, entlehnen uns aber nur jene Dinge, die passen. Alles andere besetzen wir einfach neu.
Liebe Frauen in der Piratenpartei, klüngelt doch bitte nicht einfach nur, beteiligt euch am großen Ganzen.
Nicht gegeneinander arbeiten, sondern gemeinsam etwas Neues schaffen!
— Autor: